Vom Sein oder Nichtsein

Triggerwarnung: Suizid

Gestern beim Wandern haben wir einen Menschen auf dem Boden liegend, neben dem Aussichtsturm gefunden.

Erst als der Sanitäter ihn fragte, ob er gesprungen sei, kam mir in den Sinn, dass das die wahrscheinlichste Erklärung war.

Wir brauchten Distanz, wollten nicht im Weg stehen, aber brachten es auch nicht hin einfach davonzulaufen.

Von weiter weg haben wir gesehen, dass der Krankenwagen immer noch nicht wegfuhr. Den Menschen hatten sie schon lange eingeladen. Der Notarzt und die Kantonspolizei standen auch seit einer Weile da. Dann hat er es wohl nicht überlebt.

In den Bauch atmen, hat unser Kampfsportlehrer gesagt, nicht überbeugen, aufrecht sitzen und in den Bauch atmen. Die Welt verliert Echtheit – der Wald aus losen Ideen gemacht und nichts als Schein – Derealisation – es war zu erwarten.

Der Polizist frage, ob ich ihn kannte – nein, noch nie getroffen -, ob ich etwas gesehen habe – nein, ich bin dazugestossen, als er schon da lag -, was geschehen war – von der Feuerstelle bin ich hergelaufen und habe ihn dann da liegen gesehen, habe gefragt ob alles okay sei, ob ich ihm helfen kann. Ich dachte ein ‘ja’ gehört zu haben, also fragte ich womit helfen, aber er hat so genuschelt und ich konnte ihn nicht verstehen. Das sei nicht selbstverständlich, sagte der Polizist. Ich erklärte: Jemand anderes hatte den Krankenwagen gerufen. Aber jene Person war nicht da – nur ihre Hunde am Turm angebunden. Als die Sanität dann kam und ich gesehen habe, dass sie wussten wo der Mensch liegt, habe ich mich distanziert. Er nahm unsere Personalien auf, empfahl uns, sich nochmal hinzusetzten und etwas Wasser zu trinken.

Setzen uns wieder hin, trinken Wasser, versuchen leise zu singen, aber stumme Schluchzer mischen sich dazwischen. Durcheinander im Kopf, aber auch nicht zu sehr – atmen in den Bauch, aufstehen, Glieder schütteln, Körper spüren, atmen. Wir sind ja schliesslich krisenerfahren.

Wir sind das ja nicht. Wir sind nicht der der gesprungen ist, der der jetzt tot im Krankenwagen liegt, dem wir beim Sterben zugeschaut haben. Wir sind hier, sitzend auf diesem Baumstumpf, vom Regen durchnässt und kalt, lebendig und schon lange nicht mehr suizidal. Wir sind ja damals nicht gesprungen. Haben es auch nicht mehr vor.

Ein ungutes Packet an Gefühlen und Erinnerungen bring das mit sich. Der Drang ist gross, den üblichen Weg zu gehen – Ablenkung, Verdrängen, Substanzmissbrauch, Vergessen, Arbeitswut, Dissoziation. Aber wir wissen ja wo das hinführt. Daher muss es sein. Es geht schon. Zwischendurch wieder etwas distanzieren und dann wieder sich damit beschäftigen – bis es nicht mehr so viel ist, bis Erinnerungen Erinnerungen und nicht Wiedererleben sind. Die Bilder wieder ein bisschen zulassen und dann sich wieder auf etwas anderes konzentrieren. Gefühle durchbrechen lassen und sich wieder für eine Weile verschliessen. Nur so viel wie jeweils geht und dann wieder pausieren. Sich nicht darüber ärgern, dass man sich belasten lässt und zulassen sich etwas elend zu fühlen. Nicht wütend auf sich sein, weil man nicht alles in eine schöne Reihenfolge bringt oder über den Dingen steht. Das Durcheinander akzeptieren. Lernen mitgenommen sein zu dürfen.

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