Ich bemerke, wie ich wieder den Drang habe ins Internet zu gehen, um nachzuschauen wie dass ich mich eigentlich fühlen sollte. Manchmal wünschte ich mir ich hätte eine Anleitung – «How to human» – wie man Mensch sein soll. Wenn ich versuche in mich hineinzuhorchen, finde ich nichts – zumindest nichts Passendes – nichts das resoniert. Es fällt mir gar schwer mich zu erinnern, wie sich Gefühle anfühlen. Wie spürt man Wut im Körper? Wie nimmt man Trauer war? Was macht Angst mit einem? Woher weiss ich, ob ich Scham empfinde, Schuld verspüre, hilflos bin?
Ich weiss, dass erst gestern im Wald beim Spazieren wir von all diesen Gefühlen überfordert weiche Knie bekommen haben, uns hingesetzt, etwas geweint und für Lange ins nichts gestarrt haben. Ich weiss, dass wir uns gestern Abend schämten, traurig, schuldig und hilflos fühlten.
Ich weiss, dass eine Anspannung herrscht, die ich aber auch nur bemerke, wenn ich mich auf sie konzentriere. Und ich weiss auch, dass wenn ich diese Spannung abbauen will, wenn ich nicht vorzu kurz vor der Überforderung, dem Zusammen- oder Ausbruch, einer intrusiven Flut und dem Sturm aus allen Gefühlen gleichzeitig stehen will, dann muss ich zu diesen Gefühlen gelangen, in diese Gefühle gehen, muss ich empfinden und erfahren, muss ich verspüren und fühlen. Aber alles was ich gerade fühle ist Erschöpfung, dumpfer, ungerichteter Ärger und Rückenschmerzen.
Es ist diese unberechenbare Zweiteiligkeit, die es so schwer machen.
Entweder waten wir durch grauen Nebel, nicht ganz da, nicht ganz dabei, aber grob funktional, ziellos, lustlos, gefühlslos, irgendwie «okay» – aber ohne Zukunftsperspektive, ohne ganzheitliche Erinnerung, vorzu nur der Moment in dem man sich bewegt, herumirrt, sich sozial verträglich verhält und Dinge zu erledigen hat, bis es nichts dringendes mehr zu tun gibt und man sich erschöpft hinlegt. Solange bis ein Diktat von aussen vorgibt, was man machen soll.
Oder ein Tropfen bringt das Fass zum Überlaufen und alle rohen unverarbeiteten Gefühle der letzten Wochen prasseln wie Regen und Hagel auf einmal auf einem nieder. Erinnerungen, Zuckungen, Schmerzen fahren wie Blitze ein. Donner aus Wut, Wind aus Fluchtdrang, Kälte aus Körpererstarrung – Der Kopf, der Körper, die Welt ist ein allumfassendes, tosendes Gewitter.
Dann ein paar Stunden später fragen wir uns, warum wir denn so ausgelaugt und müde sind, fragen uns, warum alles nass ist, die Äste auf dem Boden liegen und wieso der Baum dort brennt… ach so ja, da war vielleicht irgendetwas… hm… aber es verschwimmt schon wieder alles im Nebel. Wie war es mitten im Sturm zu stehen? Ich erinnere mich nicht. Ich sollte noch den Abwasch machen. Dann muss ich noch E-Mails beantworten. Warum bin ich so lustlos und angespannt?
