Vom Grenzen setzen und Beziehungen beenden

Kürzlich mussten wir eine Freundschaft beenden. Länger schon hatte dies Beziehung uns nicht gutgetan und länger schon haben gerade wir beziehungsorientierten Innenpersonen das ignoriert – mal wieder. Als aber wütende Stimmen von Innen immer lauter und gehässiger wurden, als der Impuls anzuschnauzen, auszuteilen, abzugrenzen immer grösser wurden, musste eine Linie gezogen werden. Ich habe lange und könnte noch viel länger darüber sinnieren, wie und wann und ob und ohnehin, man nicht irgendetwas besser hätte formulieren sollen. Ganz im Rahmen des steten Eindrucks, wir wären jeweils an allem schuld und hätten kein Anrecht darauf zu wollen, zu brauchen oder gar zu verlangen. Aber schliesslich haben wir uns wiederholt, haben konkretisiert, haben geduldig nochmal erklärt hier und das sind unsere Grenzen. Das sind sie Regeln mit der eine Beziehung funktionieren kann. Dies gilt es zu tun, wenn diese Freundschaft bestehen soll. Dafür wurden wir beschuldigt, beschämt und verletzt. Und somit kam zu Grenzenlosigkeit in diese Beziehung das Gefühl der Schuld, Scham und des Schmerzes.

Wir haben uns gesagt: Wir führen keine Beziehungen, in denen wir keine Grenzen ziehen können. Und das machen wir auch nicht – nie wieder. Also haben wir gesagt, dass das nicht mehr tragbar ist für uns.

Das Problem ist ja nicht, dass wir uns nicht noch lange hätten durchprügeln können. Wir können dissoziieren. Wir können Wut schlucken. Wir können Belastungen ignorieren, Verletzungen vergessen, ein freundliches Gesicht machen, da sein, Mitgefühl ausdrücken, mitleiden. Und wir hätten auch die Konsequenten noch lange verstecken können. Aber es hätte uns zerfressen – wieder so komplett zerfressen wie die letzten Male – schleichend, kaum merkbar, fortwährend. Darum müssen wir Grenzen setzten können. Und wenn das nicht geht, dann geht Beziehung nicht.

Wir wurden gefragt, ob wir erleichtert sind darüber, die Freundschaft gekündigt zu haben. Das sind wir überhaupt nicht. Einige von uns wissen viel zu genau, wie es sich anfühlt in der Krise alleine gelassen zu werden, wenn sich nahe Menschen entfernen und Kontakte mit einem abgebrochen werden. Das ist nicht eine Erfahrung, die ich jemandem gerne antun will. Aber ich kann nicht uns in der Vergangenheit retten, indem ich uns, unsere Grenzen, unsere Gefühle, unsere Bedürfnisse heute übergehe. Unser ehemaliger Freund ist nicht wir von damals. Und egal wie sehr wir ihm noch versucht hätten zu helfen, es wird uns dadurch nicht besser gegangen sein. 

Er hat gesagt wir lassen ihn im Stich. Der erste Impuls war das abzustreiten zu versuchen. Aber wenn ich darüber nachdenke, dann will ich ihm darin nicht wiedersprechen. Er hat sein Anrecht darauf sich im Stich gelassen und verletzt zu fühlen. Er darf auch wütend auf uns sein. Unsere Grenzen haben schliesslich nichts mit seinen Gefühlen zu tun. Unsere Grenzen sind nicht dort, wo eine ideale, gerechte und sichere Welt sie hingelegt hat. Wir sind keine Roboter und wir sind keine Superhelden. Wir haben Grenzen und das ist menschlich. Von uns zu verlangen keine Grenzen zu haben ist unmenschlich – auch egal ob wir uns selbst diese nicht zugestehen oder ob sie von aussen nicht zugestanden werden.

Das ist ja schlussendlich um was es geht: Sich zuzugestehen Mensch zu sein.

Hinterlasse einen Kommentar