Wieder zurück aus dem Urlaub, wieder zurück im Alltag, wieder alleine – nur ich, meine um Aufmerksamkeit bettelnde Katze und die Stimmen in meinem Kopf. Jetzt gibt es sich nicht mehr auf jemand anderen zu konzentrieren. Es gibt keinen akzeptablen Grund sich nicht um die Wünsche und Bedürfnisse aller innen zu kümmern. Es gibt keine anderen Menschen zu bedenken, keine plausible Ablenkung, keine unvermeidbaren Erledigungen, keine Ausreden mehr.
Wir haben eine Liste gemacht von Aktivitäten, die sich verschiedene Innenpersonen wünschen – Spazieren, Velo reparieren, Nähen, Fernseher schauen, Leute treffen, Pen-and-Paper vorbereiten, Fest organisieren, Klavier spielen, Texte schreiben, Musiksammlung organisieren, Fotos vom Urlaub bearbeiten, Buch lesen, Programmieren, Rechnungen zahlen, Frühstücken, Computer spielen, Kaffee trinken, Abwaschen, Guezli backen.
Ich priorisiere das Frühstück, doch immer wieder wird jemand nach vorne geholt und wir werden abgelenkt. Es muss nur schnell im Chat beantwortet werden, das Bild bearbeitet, die Katze braucht Aufmerksamkeit, Musik einstellen, E-Mail beantworten, nochmal hinlegen? Ah… nein – ach ja, essen… Nach dem mehrfach unterbrochenen Frühstück, entschliesse ich einen Spaziergang und Einkauf miteinander zu verbinden. Und schon der Protest von Innen – warum hat jetzt das Priorität? Warum nicht die ganzen anderen Dinge zuerst? Weil wir eine Schraube für das Velo brauchen und weil wir das Velo brauchen um mobil zu sein – gut – ist akzeptiert. Anstatt uns auf den Weg zu machen, setzten wir uns an den Computer und bereiten zwei Stunden das nächste Pen-and-Paper Spiel vor, auch wenn zehn Minuten wohl gereicht hätten. Wir sollten noch etwas essen bevor wir losgehen zum Spazieren. Wir gehen ohne etwas zu essen.
Beim Einkaufen diskutieren wir gut eine Viertelstunde, welche Schraube nun die richtige ist, entscheiden uns und gehen spontan noch Lebensmittel kaufen – der Anfang verläuft fast streitlos, doch gegen Ende muss dann doch noch etwas Süsses her, aber nicht zu ungesund, aber nicht zu teuer, aber doch gross genug, aber nicht sozial unverträglich – eine Frucht? Aber nicht diese Frucht. Aber eine Aprikose? Nein. Kuchen? Sicher nicht. Schokolade? Auf keinen Fall. Wir laufen vom Reduziert-Regal zu den Saison-Früchten zum Tiefgefrier-Regal zu den veganen Süssigkeiten zu den Äpfeln. Wir können uns auf einen Apfel einigen – nicht ohne Protest – innen echauffiert sich jemand. Haben wir wohl den falschen Apfel genommen, der nicht unter guten Bedingungen hergestellt wird. Beim Auschecken höre ich mir an, wie Bauern von dieser Apfelmarke ausgenommen werden. Beim Essen des Apfels, höre ich mir an, wie ungesund es ist ihn nicht gewaschen, sondern nur abgerieben zu haben. Bei einigen Bissen zeichnet sich eine leichte Bitterkeit ab und Innen hat jemand Angst, dass der Apfel nicht mehr gut ist und wir jetzt krank werden.
Zuhause merken wir, dass wir dringend etwas essen sollten. Wir gehen und reparieren das Velo. Es braucht schliesslich doch Ablenkung. Ein Video, welches ich im Hintergrund laufen lasse, ermöglicht es mir Kartoffeln zu schneiden, würzen und mit Öl auf einem Blech zu verteilen. Das Video ist zu Ende. Es wird um dessen Inhalt gestritten. Es wird um das Abendessen gestritten. Es wird um die Abendaktivitäten gestritten. Es wird gestritten.
