Von Träumen und Mutter

Ich träume in den letzten Wochen wieder häufiger von Mutter. Es ist nie derselbe Traum, aber immer etwas ähnlich. Wir reden miteinander und oft wohnen wir wieder zusammen oder in der Nähe. Diesmal scheine ich ihr ein Ferienlager gezeigt zu haben, an dem ich wohl teilnahm. Es ist wieder „alles gut“, alles wie vor der Auseinandersetzung. Der Streit ist begraben – lebendig begraben – wenn man zu nah ans Grab schreitet, hört man ihn immer noch schreien. Wir geben ein gutes Bild ab, zeigen Freundlichkeit und Frieden. Es ist so wie es war. Der letzte Konflikt hat sich in Luft aufgelöst, als ob er nie da gewesen wäre und wir reden nicht darüber.

Ende Monat ist es so weit – Familientherapie. Wir konnten uns mehr als drei Jahre davor drücken. Jetzt sind uns alle guten Gründe ausgegangen. Warum machen wir das denn, wenn ich so sehr nicht will? Weil andere wollen. Aber nicht um des Friedens Willen – nicht für Beziehung um jeden Preis. Um zu sagen, was gesagt werden muss. Um den untoten Konflikten Luft zu geben, damit sie entweder gelöst oder endlich frei sein dürfen. Damit die Worte, die nie Platz haben durften nicht mehr in unserem Kopf herumspucken und uns allen Angst einjagen. Um ein Ultimatum zu stellen:

„Entweder fängst du an mich zu sehen, wie ich bin oder du gestehst mir, dass du dich nicht für den Menschen interessierst, der ich wirklich bin.“

Mehrheitlich fehlt mir der Zugang zu den Erinnerungen an unsere Kindheit, unser Aufwachsen, unsere Eltern. Umso schwieriger wird es sein zu benennen, ‚was den mein Problem ist‘. Ich weiss, dass es nicht normal ist, vor Angst zu weinen, bei der Idee wieder mit der Mutter zusammen zu wohnen. Ich weiss, dass es nicht in Ordnung ist, ‚Zuhause‘ als einen schlimmen Ort zu empfinden. Ich kenne noch einige Sätze, die sie uns an- und vorgeworfen hat, aber vermutlich wird sie sich nicht daran erinnern, jemals so etwas gesagt zu haben oder ich habe es ‚bloss falsch verstanden‘. Wir haben auch noch eine lange, wütende und verletzende E-Mail von ihr. Auch die werde ich wohl missverstanden haben, aber immerhin lässt sich nicht leugnen, was darinsteht.

Eigentlich möchte ich überhaupt nicht an den Streit festhalten, mich in den Konflikten vergraben und meine Wut schüren. Doch sonst passiert wieder genau dasselbe wie immer: Wir reden nicht darüber, wir begraben das Geschehene, wir ‚schauen in die Zukunft‘, konzentrieren uns ‚auf das, was sich noch ändern lässt‘. ‚Es bringt ja nichts in der Vergangenheit herumzukramen‘.

Doch – es bringt sehr wohl etwas. Denn unsere Vergangenheit macht uns zu den Menschen, die wir sind. Unsere Vergangenheit zu übersehen, zu verdrängen und zu ignorieren heisst Uns zu übersehen, zu verdrängen und zu ignorieren. Wir sind kein Kuchen aus dem man die Rosinen picken kann – ganz oder gar nicht – im Guten wie im Schlechten – alles oder nichts.

Wenn die Therapie nicht hilft eine tragbare Beziehung herzustellen, dann können wir in Ruhe abschliessen. Dann haben wir unser Möglichstes versucht und es ist dann nichts geworden. Was gesagt werden musste, wird gesagt sein und wir haben in den Trümmern der Gefechte endlich echten Frieden.

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