Nochmal gehen wir den Symptom-Checker durch, versuchen uns daran zu erinnern, wie lange die Schmerzen jetzt da waren, wie sich der Körper vor einer Woche angefühlt hat, versuchen nachzuvollziehen, welche diffusen Symptom üblich und welche unüblich sind. Wieder ist die Empfehlung heute noch zu Arzt tu gehen – wie schon gestern und vorgestern. Nun gut, dann rufen wir morgen mal an.
Die Ärztin am Telefon ist aufgestellt und freundlich. Sie spricht in einem angenehmen Berndeutsch. Die gleichen Fragen wie in der App werden gestellt – die Schlussfolgerung: Gehen Sie heute zum Arzt.
Die Praxisassistentin braucht so früh morgens nicht lange bis sie ans Telefon kommt. Ich komme schnell zum Punkt. Sie kommt schnell zur Sache. Der Termin ist in etwas mehr als zwei Stunden.
Alle bisherigen Erfahrungen, die wir bisher mit unserer neuen Hausärztin gemacht haben, waren angenehm und zielführend. Nie hatte Sie uns vermittelt, dass wir umsonst gekommen wären, nie hat sie uns nicht geglaubt oder nicht die Weiterleitungen oder Rezepte gegeben, um die wir gebeten haben.
Nichtsdestotrotz ist es mir zuwider zum Arzt zu gehen. Wäre die Angst vor Krankheit und Folgeschäden nicht so drängend und zwanghaft, würden wir wohl alles versuchen mit Hausmittel und Geduld zu lösen.
Ich will nicht jammern. Ich will nicht Zeit und Ressourcen in Anspruch nehmen – noch schlimmer – vielleicht umsonst in Anspruch nehmen.
Ich will nicht abhängig sein. Ich will nicht vertrauen sollen, vertrauen müssen, vertrauen sollen müssen.
Ich will nicht über meinen Körper reden, über meinen Körper nachdenken, über was alles kaputt sein könnte an meinem Körper reden und nachdenken.
Ich will mich nicht der Behandlung fügen müssen, will nicht vernünftig sein sollen, will nicht über mich ergehen lassen. Ich möchte keine elenden Übungen machen, möchte nicht gesagt bekommen, was ich alles nicht mehr essen und tun darf, möchte keine Tabletten nehmen.
Es nützt aber ja nichts.
Im Kontakt mit dem somatischen Gesundheitssystem spüren wir nicht Angst, nicht Wut, auch nicht Scham, sondern vielmehr eine erschöpfte dumpfe Überforderung, eine tiefsitzende Resignation, eine Depression und Dissoziation. Es ist von Anfang an klar, dass wir keine alternativen Möglichkeiten, keine Expertise, keinen wirklichen Handlungsspielraum haben. Wenn die Ärztin sagt es ist so und so und Sie machen jetzt so und so, dann können wir so dumm, einfältig und eingebildet sein, dass nicht zu tun oder wir machen was man uns sagt. Sicher kann ich mir eine Zweitmeinung holen, aber das führt nur dazu, dass ich mich von zwei Menschen überfordert fühlen kann.
Wir haben nie gelernt einer Autoritätsperson zu vertrauen, nicht erlebt, dass Fremdbestimmung zu unserem Besten war. Wenn ich meinem Mitmenschen nicht auf Augenhöhe begegnen kann, fühlen wir uns ausgeliefert. Jedoch ist dies einer der Lebensbereiche, in dem wir uns nicht leisten können autonom zu sein.