Von ‚falschen‘ und Bauch-Gefühlen

Ein schweres Gefühl ergreift mich, macht mich krank, ängstlich, erschöpft, betrübt, hoffnungslos. Das Gefühl als würde man langsam versinken. Etwas ist falsch. Etwas ist nicht gut und falsch. Aber was ist es? Gedanken kommen auf. Von Innen wird mir dies und das gesagt. Manches kann ich abwehren, kann sehen, dass es nicht aus dem Hier und Jetzt stammt, dass es nicht in meine Zeit gehört. Bei anderem bin ich mir nicht sicher. Ist es ein Erinnerungsfragment, eine Idee auf Basis intrudierender Emotion oder ist doch mehr daran und ich habe einen blinden Fleck dafür. Wie soll ich es feststellen. Wie soll ich sagen, ob der Text zwischen den Zeilen nur Abdrücke der Vergangenheit oder versteckte Hinweise aus der Gegenwart sind. Wie unterscheiden zwischen krankhafter Angst und berechtigter Sorge oder übertriebener Wut und angebrachter Verteidigungshaltung.

Wir haben sehr lange gelernt nicht unserem Bauchgefühl zu vertrauen. Haben gelernt, dass wenn es keinen objektiv benennbaren Grund dafür gäbe sich unwohl zu fühlen, dann sei dieses Gefühl unangebracht oder krankheitsbeding und man solle es überwinden. Schliesslich sei ja alles gut und sicher jetzt.

Aber es stimmt halt nicht. Nur weil man kein kleines Kind mehr ist und fast allem schutzlos ausgeliefert, heisst nicht, dass weil man erwachsen ist plötzlich alles sicher ist. Armut, Diskriminierung, Beziehungsprobleme, behördliche Konflikte, Krankheit sind nur einige der der Probleme denen man schon im Alltag ausgesetzt ist. Und nicht selten können sie existenzgefährdend sein. Die Welt als einen sicheren Ort zu empfinden ist ein Privileg, keine normale und gesunde Soll-Einstellung.

Seit wir uns nicht mehr einreden lassen müssen, wie viel sicherer alles eigentlich sei, als dass wir es wahrnehmen, dass eine negative Zukunftsperspektive depressionsbeding und nicht sinnvoll sei, dass wir gefälligst Vertrauen haben sollen und dass unsere Ängste und Wut unberechtigt seien, seither haben immer wieder festgestellt, dass unser Bauchgefühl verlässlicher ist, als dass wir je geglaubt haben. Natürlich nicht immer, nicht in allen Fällen und hundert Prozent, aber wenn es im Zentrum unseres Körpers dumpf brodelt und das Gefühl ‘von es ist falsch, etwas ist nicht gut, etwas ist falsch’ nicht weggeht, dann ist es meist, weil irgendetwas gerade tatsächlich nicht gut ist.

Die Herausforderung ist es herauszufinden, was es ist – wie eine Meldung am Computer: „Ein unbekannter Fehler ist aufgetreten“. Ich weiss etwas ist falsch, aber was? Das ist wann das Chaos anfängt – jede Innenperson mit einer eigenen Idee, eigene Spekulation, die von allen Extremen reichen. Von eigentlich ist alles gut zum schlimmsten wahrscheinlichen Szenario – von ‘so teuer wird es nicht sein’ zu ‘es wird uns finanziell ruinieren’ – von ‘wir werden eine gute Zeit haben’ zu ‘die Veranstaltung wird von Faschisten überrannt’ – von ‘er ist nur ein bisschen müde’ zu ‘er will mich nicht mehr sehen’ – von ‘es dauert einfach ein bisschen bis alles geregelt ist’ zu ‘sie werden meinen Antrag ablehnen’ – von ‘Schmerzen kommen und gehen’ zu ‘es ist etwas ernstes’…

In allen Fällen wäre es unangebracht vom positiven oder negativen Extrem auszugehen. Manchmal ist es eines von beiden, oft aber liegt die Wahrheit in der Mitte.
Schlussendlich ist es so, dass das Gefühl des ‘etwas ist falsch’ nicht weggeht, bis wir wissen was es ist. Sich dazu zu drängen positiv zu denken hat genauso wenig geholfen, wie sich im Strudel der Negativität zu verlieren. Wenn uns das Gefühl als unberechtigt abgesprochen wird, wird es nicht weggehen. Dann bleibt die Anspannung, schwankt aber wird langsam immer Grösser, schliesslich bis zum Zerreissen. Das einzige was Erleichterung schafft ist Gewissheit. Und dann bin ich meist fast lieber mit dem negativen Extrem konfrontiert, als noch länger mit der Ambivalenz der Unklarheit.

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