Von Armut und Bewerbungen

Ich verlasse den Gebäudekomplex mit einem besseren Gefühl als erwartet. Jemand innen meint, dass das Bewerbungsgespräch ja nicht einmal so schlecht gelaufen ist. Ich versuche nicht laut im Aussen zu antworten – zumindest nicht solange noch in Sichtweite. Wir waren sogar offen über unseren Behinderungsstatus, über den längeren Aufenthalt in der Psychiatrie, darüber das wir weiterhin viel in Psychotherapie sind. Die Diagnose haben wir nicht genannt – sie haben nicht gefragt. Es wäre wohl eine wirklich gute Stelle.

Ein paar Tage später – viele weniger als angekündigt – laden sie uns zum zweiten Gespräch ein. Es klingt, als ob es nur noch um die Details geht. Wahrscheinlich haben wir die Stelle. Ich freue mich, komme in Feierlaune, werde aber von Innen ermahnt mich nicht zu früh zu sehr zu freuen – lang erlerntes Misstrauen – Vorsicht. Doch ich komme nicht umher mir vorzustellen die Woche durch, mich nicht mehr irgendwie ohne Budget alleine zu Hause unterhalten zu müssen – etwas Nützliches tun – Leute um sich zu haben. Ich komme nicht umher nachzurechnen, wie viel jeden Monat dann durch Einkommen, Rente und Ergänzungsleistungen zusammenkommen sollte. Es ist fast doppelt so viel wie uns jetzt zu Verfügung steht. Es ist mehr als genug um nach über sechs Jahren erstmals wieder über die Armutsgrenze zu kommen.

Es ist genug, um endlich normal Nahrungsmittel einkaufen zu können, um die Katze auch in Notfällen medizinisch versorgen zu können, um das Velo zu reparieren, um mit Freunden in ein Café, eine Bar oder Restaurant zu gehen ohne darauf angewiesen zu sein, dass uns jemand einlädt, um Fachtagungen, Konzerte, Theater, Kinos, Festivals zu besuchen, um mal ein paar Tage weg zu fahren, um mal wieder Ski zu fahren, um all die Probleme zu lösen, die sich mit nur ein klein wenig Geld lösen lassen, um keine Angst zu haben eine Busse oder Mahnung nicht verkraften zu können, um Kleider aus dem guten Brockenhaus zu kaufen, welches nicht merkwürdig riecht und sich alles leicht ölig anfühlt, um brauchbare Zutaten zu kaufen um Menschen zu Weihnachten Geschenke zu kochen, um neue Farbe und normal grosse Leinwände zu kaufen, um unterwegs einfach ein Sandwich zu kaufen, anstatt immer etwas vorbereiten und dabei haben zu müssen, um das Smartphone zu ersetzten, falls es mal kaputt geht und nicht aufgeschmissen und ohne Internet zu sein, um Bücher zu kaufen, um Projekte zu unterstützen, die mir wichtig sind, um so so so viel.

Ich komme nicht umher, mir wieder bewusst zu werden, wie sehr unsere finanzielle Situation uns einschränkt. Und das macht mir Angst. Denn was falls wir die Stelle nicht kriegen, falls sie uns dann doch nicht gefällt, falls wir in der Probezeit rausfliegen, falls wir es nicht schaffen zu funktionieren, falls in der Traumatherapie etwas aufkommt, dass uns aus der Bahn wirft.

Ich bin es so müde arm zu sein.

Armut ist zernagend, ist ausgrenzend, ist erdrückend, bitter, beängstigend, eintönig, entmächtigend, deprimierend, kompliziert, unfair, gefährlich, chaotisch, ist beschämend.
Darf ich mich überhaupt arm nennen – in einem der reichsten Länder dieser Welt und – so schäbig es sein mag – einem der besten Sozialhilfesysteme dieser Welt? Sind wir doch gut im Einteilen und alleinstehend, ohne Familie, die ich unterhalten muss.
Armut heisst sich beständig ums Geld zu sorgen. Sie heisst Kaputtes nicht ersetzen und Löcher nicht ausfüllen zu können. Unsere Armut zwingt uns demütig und geizig zu sein. Stolz muss man sich leisten können. Unsere Armut heisst, dass ich nicht mitkommen kann, dass ich im Winter weniger Freunde treffe als im Sommer, denn im Sommer kann man in den Park oder an den See, aber im Winter muss man rein – ins Café oder sonst wo – und das kostet Geld.
Armut heisst flexibel sein zu müssen, viele Ressourcen haben zu müssen, kreativ sein, verlässlich sein, effizient, freundlich, selbstständig, teamfähig, organisiert, geduldig, belastbar, ausdauernd, sorgfältig und so weiter.

Alles was ich will, ist genug Geld, um mich nicht täglich mit einem Mangel an diesem auseinandersetzten zu müssen. Ich will diese Stelle – auch sehr, weil ich nicht mehr hauptberuflich ‘in Armut überleben’ arbeiten will.

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