Erfahrungsgemäss: dissoziatives Stimmen hören

Hören Sie Stimmen? ‚Nein‘ haben wir immer auf den Anamnesefragebögen angekreuzt. Und schliesslich hören wir ja keine Stimmen, unsere Ohren registrieren nicht Geräusche, die nicht da sind. Ist es nicht normal, dass der interne Monolog manchmal zum Dialog, zum Trialog, zu einem Polylog wird? Aber anscheinend ist dem nicht so. Anscheinend haben integrierte Menschen maximal eine Stimme im Kopf – kaum zu Glauben. Die Frage zu beantworten „Wie ist es den mit mehreren Stimmen im Kopf zu leben?“ lässt sich wohl so schwer beantworten wie: „Wie ist es (nur) eine Stimme im Kopf zu haben?“ Es ist halt ‚normal‘ und genauso ist es für uns ‘normal‘ im Innern vielstimmig zu sein.

Manche Betroffene erzählen, dass sie erst später im Leben angefangen haben Stimmen im Kopf wahrzunehmen. Tatsächlich wird diese Erfahrung in der Fachliteratur oft als die häufigere oder gar einzige benennt. Ich kenne aber auch viele, welche die gleiche Erfahrung wie wir gemacht haben: „Ich hatte schon immer Stimmen im Kopf. Ich dachte immer das sei normal. Das sei wie man denkt.“

Wenige mit denen ich gesprochen habe, würden es wirklich als Stimmen ‚hören‘ bezeichnen. ‚Stimmen hören‘ klingt, als ob man fühle, dass die Wahrnehmung von Aussen komme. Meist ist es aber mehr wie das eigene Denken, ein Ohrwurm oder eine Stimme, die man sich vorstellt, nur dass man nicht kontrollieren kann, was die Stimme sagt oder wie sie klingen soll. Wenn es mehr wie letzteres ist, dann kommte es vor, dass es schon fast ist wie ein Stimmen-‚hören‘, aber fast immer ist noch klar was Geräusche im Aussen und was im Kopf ist.
Im Übrigen gilt – zumindest für uns – für visuelle Pseudohalluzinationen dasselbe. Es ist dann so, als ob etwas unsere visuelle Vorstellungskraft übernimmt. Ich sehe dann vielleicht eine Person im Raum in etwa so, als würde ich mir ganz fest vorstellen, jemand wäre da. Nur habe ich keinen Einfluss auf dieses Bild. Ich kann es weder verändern noch wegmachen – mich höchstens ablenken versuchen.

In der Fachliteratur wird auch oft beschrieben, dass die Stimmen im Kopf als nicht zu sich gehörig empfunden werden. Und wir konnten lange mit diesen Begriffen nichts anfangen – „nicht zu sich gehörig empfunden“. Wir haben schliesslich begriffen, dass das Problem beim Dinge „zu sich gehörig empfinden“ bzw. beim fehlenden Ich-Gefühl liegen. Wenn ich einteilen soll, als zu mir und nicht zu mir gehörig, dann muss ich auf physische Merkmale zurückgreifen. Das ist der Körper, von dem ich weiss, dass er meiner ist, daher sind ja wohl die Arme und Beine, die daran hängen auch zu mir gehörig. Der Kopf oben dran muss ja wohl auch meiner sein und wenn Dinge in diesem Kopf passieren, dann gehören diese Dinge ja wohl zu mir, wenn es ja mein Kopf ist. Wenn Stimmen in meinem Kopf reden, dann werden es wohl Stimmen sein, die zu mir gehören. Ich empfinde diese Stimmen zwar nicht als zu mir gehörig, aber ich empfinde gar nichts an mir als zu mir gehörig – nicht meinen Körper, noch die Arme, Beine, Kopf oder meine Gedanken. Und auch das ist für uns ‚normal‘. Zu merken, dass man fast beständig depersonalisiert, erfordert mit einem anderen Zustand vertraut zu sein. Wenige von uns und selten erreichten diesen Zustand und nach langem lesen und nachfragen haben wir gelernt, dass ein Ich-Gefühl zu haben das Soll-‚Normal‘ wäre und nicht einfach eine abstruse Erfahrung, die wir manchmal machen.
Wenn also jetzt ein Anamnese-Fragebogen wissen wollte, ob wir „Stimmen ‚hören‘, welche wir als ‚nicht zu uns gehörig empfinden‘“, müssten wir erstmals länger ausholen.

Was die verschiedenen Innenpersonen von sich geben und wann sie sich melden ist ganz unterschiedlich. Es gibt viele Betroffene, die immer wieder oder auch meistens Funkstille haben. Das ist bei uns eher nie der Fall – höchstens in Ausnahmesituationen. Manchmal wird eher wenig geredet, aber fast immer ist jemand da.

Manchmal ist es wie ein beständiger Podcast, der im Hintergrund läuft. Dies hat oft wenig mit dem zu tun was gerade aussen läuft und involviert meist die Innenperson, welche gerade vorne ist, gar nicht. Bestenfalls ist es interessant und man kann sich zurücklehnen, etwas mit den Händen machen und einfach zuhören. Nicht selten ist es irritierend und ablenkend.
Häufig gibt es bei uns kommentierende, befürwortende und ablehnende, kritische und unterstützende Stimmen. Manche reissen Witze über Menschen im Aussen, andere erinnern, dass man noch Milch kaufen soll, welche versuchen die Innenperson vorne zu beruhigen andere äussern Angst und Sorge in einer unvertrauten Umgebung. Es ist ein wenig wie Fahrer sein – manchmal in einem Kleinwagen, manchmal Reisebus. Man fährt und es wird – vom Beifahrersitz oder von hinten – der Weg gewiesen, die anderen Fahrer kritisiert und die Landschaft kommentiert. Man kann dann – manchmal besser im Aussen, oft auch gut im Innen – auf die anderen eingehen und eine Unterhaltung führen. Das Problem bei uns ist dann öfter, dass alle durcheinander reden und sich niemand ausreden lässt.
Es kommt vor, dass das Gesagte von Innen wenig bis gar nichts mit dem hier und jetzt zu tun hat. Oder ein Gefühl hoch kommt mit dem jemand innen immer wieder die selben paar Sätze wiederholt. Zum Beispiel ein Gefühl von Angst mit dem unruhigen Gemurmel: „Etwas ist falsch. Etwas ist ganz und gar falsch. Etwas ist gar nicht richtig“. Wenn man dann versucht mit der Innenperson zu reden, scheint diese einem häufig nicht zu hören, sondern steckt scheinbar in ihrem Loop fest. Es kann helfen einen anderen Zugang zu finden versuchen. Für uns sind diese Situationen, aber auch eher Ausnahmezustände.

Stimmen sind nicht die einzigen internen Kommunikationsmethoden. Es gibt Betroffene, die interne Kommunikation haben ohne Stimmen. Genauso wie es Menschen gibt, die keinen inneren Monolog haben und nicht in Worten, sondern in anderen Symbolen und Konzepten denken. Auch bei uns werden neben Sachen in Worten auch in Bildern, abstrakten Ideen, Filmausschnitten, Gefühlen, Gesten und Weiteres ausgetauscht.

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