Von neuen Rollen in neuen Kontexten

Ein A4 grosses Couvert liegt im Briefkasten. Es ist mit dem Logo unseres baldigen Arbeitgebers bedruckt. Ich schaue kurz den restlichen Briefkasteninhalt durch, werfe die Werbung für die Nationalratswahlen gleich ins Altpapier und gehe zurück in meine Wohnung. Im Couvert ist wie erwartet der Arbeitsvertrag. Obwohl wir ihn ein paar Tage zuvor bereits elektronisch erhalten und durchgeschaut haben, lese ich ihn sorgsam durch – es ist unverwunderlich immer noch der selbe Inhalt. Unsicher, ob ich unsere Unterschrift gut hinkriege, übe ich ein paar mal auf dem Couvert. Schliesslich unterschreibe ich beide Exemplare, lege eines in das Rücksendecouvert und klebe es zu.

In weniger als vier Wochen ist es soweit: Der Beginn an einer neuen Teilzeitarbeitsstelle – unser alter Beruf an einem neuen Ort und einem ganz anderen Punkt in unserem Leben, als wir das letzte mal regulär gearbeitet haben. Es fällt mir schwer mir vorzustellen wie es sein wird. Das Problem ist weniger die Vorstellung über die Aufgaben und Mitmenschen, die uns erwarten – auch wenn das für sich viel Neues und Ungewohntes mit sich bringt. Der Knackpunkt ist sich vorzustellen, was wir in dieser Rolle sein werden, wer von uns vorne sein wird, wie wir wirken werden, in welchen Zustand wir uns befinden werden. Schlussendlich ist auch die Frage, wer von uns die Fertigkeiten benutzen kann, welche in diesem Beruf erforderlich sind, wer die Geduld für langwierige und eintönigere Aufgaben hat, wer die sozialen Fertigkeiten für den Umgang mit verschiedenen Mitmenschen hat, wer Motivation, Durchhaltevermögen und Begeisterung für den Beruf nutzen und zeigen kann.

Dies alles nicht zu wissen und nicht steuern zu können bedeutet für uns schliesslich einen Kontrollverlust. Dies ist jetzt nicht ein neues Problem in sich, aber in den meisten anderen Kontexten bringt es weniger Schwierigkeiten mit sich. Bei der Arbeit aber muss man funktionieren. Es gibt dort keinen Platz für Innenkinder, Löcher in die Wand starren, Schwächeanfälle, Panikzustände, langwierige Wechsel, Amnesien, Innenpersonen welche kein Deutsch können, nicht Programmieren können, Menschen nicht ausstehen können, etc.

Vielleicht wird es auch kein Problem sein. Vielleicht halten sich die Probleme auch in einem ertragbaren Rahmen. Aber ich weiss es nicht und es wird einige Monate dauern, bis wir sehen ob es funktioniert. Es wird sich dann herausstellen, welche Rolle(n) wir in diesem neuen Ort einnehmen. Bis dahin kann ich nur in Ungewissheit besorgt oder besseren falls abgelenkt sein. Es ärgert mich, das es noch so lange dauern wird, um mehr Klarheit zu erlangen. Es steht genug auf dem Spiel – der Unterschied zwischen sinnvoller Beschäftigung, eine finanzielle Situation, die tatsächliche Teilnahme an der Gesellschaft ermöglicht, eine Karriere oder arm, deprimiert und zerlangweilt zu Hause der Zeit beim Vergehen zuzuschauen.

Ich kann nur nichts tun und abwarten. Das hilft nicht gegen meine Verunsicherung.

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