Von Arbeit und Funktioniersucht

Es fühlt sich gut an zu funktionieren. Schaut mich an. Ich bin nützlich. Und ich bin gerne nützlich. Es fühlt sich gefährlich gut an zu funktionieren. Beschwerden werden in den Hintergrund gedrängt. Sorgen lassen sich ignorieren. Bedürfnisse kann man aufschieben. Mit sich selber, braucht man sich nicht beschäftigen. Ist nicht Mensch mit Bergen aus Gefühlen, kompliziert und ungreifbar. Ist ein fliegendes Wölkchen Eifrigkeit. Ist fokussiert nur auf das Problem, welches vor einem liegt und das schöne, dass ach so wunderschöne ist, es sind alles so herrlich lösbare Probleme. Und es tut gut, Probleme zu lösen.

Ich mag unsere neue Arbeitsstelle. Ich mag die Arbeit, die Leute, die Räumlichkeiten. Es hat sogar geschlechtslose Toiletten. Gerne denke ich auch nach der Arbeit noch über Lösungsmöglichkeiten und Ansätze nach, schaue im Internet nach, wie sich dieses oder jenes bauen liesse. Ich mache nicht gerne Pause während der Arbeit. Stehe dann da im Pausenecken des Labors mit einer Tasse Kaffee in der Hand, den leckeren Zwetschenkuchen den die Mitarbeiterin mitgebracht hat essend und warte die 15min ab, gebe auf, stopfe mir den Zucker schneller in den Mund und fange nach 5-10min meist schon wieder an weiterzuarbeiten – gegen internen Protest.

Wenn wir zu Hause sind legen wir uns hin und fühlen den Körper schmerzen, fühlen die Erschöpfung, fühlen die Sorgen, die Selbstvorwürfe, den Hunger, die Spätherbstkälte. Wir fühlen all das was zum Mensch sein dazugehört und halt auch sein muss. Sich um sich selbst zu kümmern ist so viel anstrengender, als sich um lösbare Probleme zu kümmern.

Wir arbeiten vier Halbtage in der Woche. Und es ist gut, dass wir in dieser Lebensphase nicht mehr arbeiten – nicht weil die Arbeit schwierig ist, sondern weil zuverlässige und kontinuierliche Selbstfürsorge eine Herausforderung ist. Würde sehr gerne fünf mal die Woche ins Training gehen, drei volle Tage regulär arbeiten, zwei Tage selbstständig arbeiten und mich nebenbei noch ein, zwei Tage die Woche aktivistisch engagieren. Wir würden nur in kürzester Zeit ausbrennen, nicht mehr genug Kraft haben zu länger zu gehen, nicht mehr die Konzentration haben eine ganze Seite zu lesen, nicht mehr die Aufnahmefähigkeit Videos zu schauen – zumindest war es das letzte Mal so.

Die neue Arbeitsstelle ist gut. Es ist nur schwierig sich nicht im Funktionieren zu verlieren.

Hinterlasse einen Kommentar