Von Schmerz und Sumpf

Meine Therapeutin stimmt mir zu, dass es nicht viel anders gibt, als sich vom Schmerz abzulenken, wenn er so stark ist, dass man sich gerne ein Bein ausreissen würde, wenn es dadurch besser wird. Es gibt nicht viel mehr zu tun als auf den nächsten Arzttermin – mit dem nunmehr siebten Arzt – zu warten und so viel Aufmerksamkeit wie nur geht etwas anderem als dem eigenen Körper zuzuwenden.

Gewohnt bin ich, mich nicht in meinem Körper zu verorten, Empfindungen wegzudrücken, mit dem Kopf wo ganz anders als in meinem Körper zu sein – es ist so leicht sich im Sumpf zu verlieren, den eigenen Gedanken nicht mehr zuhören und sich überfokussiert um ein Problem bei der Arbeit, um ein Computerspiel, um drei Haushaltsaufgaben gleichzeitig machen und Podcast hören dabei zu kümmern.

Es ist sehr schwer – mal wieder im Sumpf verloren – daraus heraus zu kriechen, den Körper als ein zugehöriges Ding zu empfinden, Empfindungen wahrzunehmen, den eigenen Gedanken Gehör schenken.

Der Schmerz ist etwas milder diese Woche als letzte. Der neuste Arzt hat uns jetzt Medikamente dagegen gegeben. Ich will sie nicht nehmen. Die Nebenwirkungen machen mir Angst. Vielleicht nehmen wir sie, wenn eine längere Existenz im Schmerzkäfig, der sich Körper schimpft, nicht mehr denkbar ist. Für heute bin ich lieber dissoziiert, als schmerzfrei in Angst.

Jemand von uns hat einem Freund mal erklärt, dass der eigene Körper sehr viel ausmacht davon, wie man die Welt wahrnimmt. Er – männlich, cis, weiss, nicht-behindert, körperlich gesund, normalgewichtig, durchschnittsgross, durchschnittlich attraktiv – hat nicht verstanden was wir meinen.
Wenn dich Schmerzen am Laufen hindern, dann ist ein Kilometer plötzlich ein Marathon und ein kleiner Spaziergang, um deine Gedanken zu lüften ein Ding der Unmöglichkeit. An guten Tagen liegt der Fokus so fest auf die Dinge die gehen – wir zum Beispiel – sich die Füsse kurz vertreten – was für ein Luxus!

In einem schmerzenden Körper sieht die Welt ausladend aus – nicht Willkommen. Für das Nötigste muss es reichen, dann zurück in den Sumpf.

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