Ich mag es nicht Menschen Narzissten zu nennen. Es fühlt sich an, als würde ich jemanden in aller Vielfalt seines Seins auf einen Aspekt dessen reduzieren und danach verurteilen. Es ist ein Urteil, ein Stempel, eine Abschreibung. Durchaus gibt es Menschen mit narzisstischen Neigungen mit denen sich ein Umgang finden lässt oder Menschen mit – zwar inzwischen veraltet – narzisstischer Persönlichkeitsstörung, welche sich dessen bewusst, an sich arbeiten und therapeutisch helfen lassen. Aber Menschen die man Narzissten nennt, denen schreibt man keine Hoffnung mehr zu.
Und vielleicht wäre es das Richtige Menschen in unserem Leben Narzissten zu nennen, die uns keine Empathie zeigen, die nur sich selbst im Kopf zu haben scheinen, die uns manipulieren versuchen, beschämen, einschüchtern und klein machen, die uns unsere Meinung, Bedürfnisse und Grenzen absprechen, die auf Kritik mit Angriff reagieren, deren Fehlverhalten nie einer Entschuldigung bedürfen und für die man scheinbar egal was man macht nie gut genug ist. Gerade, wenn ich doch die Hoffnung klar und fest aufgegeben habe, dass je noch etwas anders kommt, als der immer selbe Schwall von Missbrauch, wenn wir uns einig sind, dass wir es immer wieder versucht haben und das es nichts mehr gibt, was man noch erwarten kann, noch ändern kann, dann ist es Zeit diese Menschen aufzugeben.
Vielleicht war es dumm zu versuchen mit den Menschen zu reden und etwas anderes zu erwarten als das schon immer war. Vielleicht war es auch weise sich zu versichern, dass es genauso geblieben ist. Amnestisch zerlöchertes Gedächtnis und ein Netz aus Widersprüchlichkeiten der Menschen, die einem Leid getan und angetan haben – Sie machen es fast unmöglich um mit dem Finger auf die Untat, auf das Vergehen, den Grund für den eigenen Schmerz zu zeigen – alles ist verschwommen und verstreut. Nur hier und da eine E-Mail, manchmal eine Zeugin eines Ausbruchs oder ein Wortlaut der uns hängen geblieben ist. Es wird doch abgestritten, geleugnet und von den Menschen nicht erinnert. Das hätten sie nicht gesagt, nicht gemeint oder nicht wissen können.
Wortfetzen – eingebrannt und eingeprügelt – nie hast du, immer habe ich, vielleicht musst du den Fehler mal bei dir suchen, wenn du dich zum Opfer und mich zum Täter machen willst, wenn es dir mal wirklich schlecht gehen würde, du musst aufhören alles was ich sage so negativ zu verstehen, das ist emotionale Erpressung, alle werden dich scheisse finden, das habe ich nicht gesagt, …
Wenn ich das eine Etwas versuche zu benennen, was die Aussage oder das Fehlverhalten war verliert sich mein Gedankenstrom bald in einem Strudel Verwirrung. Vielleicht war es ja gar nicht so schlimm, denkt sich dann ein unbeugsamer Teil und stürzt alles zurück in Zweifel, doch an einem kann ich mich festhalten: Es geht uns schlecht mit diesen Menschen. Ihre Nähe macht uns Angst, krank und verzweifelt. Man muss die Menschen nicht Narzissten nennen können um sie aus dem eigenen Leben zu verbannen.
Ich will Menschen nicht verurteilen, möchte lieber der Geduldige, der Verständnisvolle und Verzeihende sein. Doch wir haben lange genug geduldet und immer klarer verstanden, dass es ohne Bemühung um Aufarbeitung und ohne bitte um Entschuldigung der Menschen, es auch keine Verzeihung geben kann. Ich weiss jetzt, dass es nichts gibt, was das Geschehene besser machen kann. Es wird egal wie viel wir reflektieren, verbalisieren, erzählen, egal wie viel wir heilen, egal wie viel Zeit vergeht, eine Tragödie gewesen sein. Wir bekommen diese Zeit nicht zurück, wir bekommen nicht einmal unseren Schmerz anerkannt, wir bekommen keinen Frieden, nur ein Abschied, die Freiheit zu Trauern darüber was nie anders gewesen sein wird.