Vom nicht gut genug sein

Wir gelangen ins Training und ich ahne schon, was für ein Gefühlschaos sich intern ereignen wird. Als ich meine Trainingspartner sehe strahlend neue Gürtel tragen regt sich Neid, Ärger und Missgunst in mir. Ich mag es ihnen ja wirklich gönnen die Gurtprüfung bestanden zu haben. Ich möchte es ihnen wirklich gerne gönnen. Ich gratuliere ihnen, zeige Freude – habe echte Freude, daran dass sie meine Freunde sind, aber nicht daran, dass sie bestanden haben. Ich habe kein Problem damit, dass die mit jetzt vom Rang her höher gestellt sind, aber eine Innenperson sieht das anders, verachtet ihre Imperfektion so sehr wie unsere. Wie schaffen sie es die Arroganz zu haben, zu denken, sie seinen gut genug? Wie schaffe sie es sich hinzustellen und mit Überzeugung zu sagen ‚Ich kann das und ich habe diesen Rang verdient‘. Ich weiss nicht wie ich mit dieser Innenperson umgehen soll, also mache ich es wie immer, ignoriere sie und nehme am Training teil. Das ist sicherlich keine gute Lösung, aber die beste die mit einfällt. Ich weiss, dass diese Überzeugung, dass nichts ausser Perfektion vertretbar ist, keiner Hier und Jetzt Logik folgt. Schlimm wird es, als mehr und mehr Trainingspartner fragen, wann ich dann die Blaugurtprüfung mache. Wir haben uns eine Reihe von Ausreden überlegt und ich bringe sie fleissig vor. Und doch ist das Problem in erster Linie, dass wir mit jeder Stufe weniger unseren Ansprüchen genügen. Tatsächlich haben bisher meist erst die Prüfung gemacht, als wir vom Können schon fast einen Rang weiter waren. Und schon bei der letzten Prüfung, war jeder kleine Fehler, jedes Ungeschick, jede Imperfektion ein Messerstich in ein Selbstwertgefühl, dass ohnehin schon auf Krücken geht. Es ist egal, wie sehr der Trainingsleiter uns sagt, dass wir eine super Prüfung abgelegt haben, ich weiss, dass wir nicht gut genug sind, das wir nie gut genug sind. Wenn andere gleich gut sind wie wir und bestehen, bedeutet das in Netzt der Vergangenheitslogik nicht, dass wir auch bestehen können und es verdient hätten, nein, es heisst, dass diese im Umkehrschluss wohl auch nicht gut genug sein können.
Unser Perfektionismus befeuert Verachtung für uns, sowie alle andern. Weil ich keine verachtende Person sein möchte kommen wir in innere Auseinandersetzung, Streit, Dissoziation, Erschöpfung, Depression. Darum möchte ich mich so fern es geht halten, von bewertenden Kontexten, von Noten, Kritik und Komplimenten.

Meine Französisch Noten schwankten meist um die genügende Note herum, was heisst, dass sie manchmal ungenügend waren. Grammatik ging meist, aber die Wörter nicht. Wir haben Stunden um Stunden um Stunden damit verbracht diese Karteikarten anzustarren, haben alle Techniken versucht, haben Post-It‘s aufgehangen, haben Aufnahmen abgehört, haben dasselbe Wort zehnmal nacheinander geschrieben. Dass wir in der höchsten Stufe waren und dass alle andern Fächer wohl im grünen Bereich waren, war nicht wichtig. Auch als wir gegen ende der Schulzeit in mehreren Fächern Bestnoten erreichten. Die französisch Wörterprüfungen waren nicht gut genug.
In der Lehre gelang es uns besser, von den Noten und Bewertungen Abstand zu nehmen. Vielleicht lag es an der späten Pubertät vielleicht daran, dass die Noten nicht mehr mit den Eltern, sondern mit den Lehrmeistern besprochen wurden. Und mein Lehrmeister in einer technischen Ausbildung, hat sich nie für mein Französisch interessiert.
Im Studium fing es, dann wieder an. Wenn unsere Noten nicht signifikant über dem Notendurchschnitt lagen, wenn sie gar näher an der Genügend, als am Perfekt waren, jedes Mal ein Stich. Völlig unnötigerweise, denn wir hatten ohnehin nicht vor den Master zu machen. Wir haben einmal ein Mail bekommen, dass uns mitgeteilt hatte, dass unsere Leitungen in den Top 20% der Fachhochschule waren. Diese Mitteilung fühlte sich so bedeutungslos an. Es war das mindeste, was wir von uns erwarten konnten. Man stelle sich die Scham vor nicht in den Top 20% zu sein. Wir haben 3 Semester lang versucht, uns diese Selbstanschauung abzutrainieren, aber es ging nicht. Auch ein Grund warum wir Abgebrochen haben.

Wir haben eine Kurzgeschichte geschrieben für einen Kurzgeschichten-Wettbewerb. Warum auch immer wir das Gefühl gehabt hatten, es sei eine gute Idee an einem Wettbewerb teilzunehmen. Von Vorteil ist nur, dass wir nicht wissen, wie viele Einsendungen es gibt, was für welche es sind und nach welchen Geschmäckern und Kriterien beurteilt wird. Intern ist die Meinung doch, dass unser Text wohl eher scheisse ist. Es gibt wenige Gebiete, in denen wir so grosse Unsicherheiten haben, wie beim schreiben. Interne Ansichten sind, dass was wir schreiben grundsätzlich banal, missverständlich, unlogisch, unglaubwürdig, übertrieben und/oder anstrengend zu lesen ist. Es spielt keine Rolle, ob Menschen das Gegenteil behaupten. Das Gefühl bleibt bestehen, dass wer unsere Kurzgeschichte liest uns scheisse finden, uns hassen und verachten wird. Scheinbar schreiben wir so schlecht.
Der Blog ist ein Versuch dieser Selbstverurteilung entgegenzuwirken. Subideale, unkorrigierte, drauf los geschriebene Texte zu veröffentlichen und zu beweisen, dass die Welt nicht niederbrennt, wenn wir nicht gut ‚genug‘ sind. Die Unregelmässigkeit in der wir Texte schreiben ist Indikation dafür, wir sehr uns das gelingt.

Bitte hasst uns nicht, ich weiss, dass wir alles was wir fabrizieren nicht gut genug ist.

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