Von Resilienz

Wir haben z.T. ein etwas schwieriges Verhältnis zum Thema Resilienz. Nicht das die Idee an sich schlecht wäre, aber wir haben häufiger erlebt, dass ein angeblicher Mangel an Resilienz schon fast vorwurfsvoll an uns herangetragen wurde, wenn wir von Belastungen überfordert waren. Dies hat meist eher dazu geführt, wir uns nicht gehört fühlten und schämten, „nicht alles direkt alleine hinzukriegen“. Daher ist es mir wichtig Resilienz nicht nur als intern sondern auch von extern bestimmt anzusehen. Weiter ist Resilienz und Resilienz förderliches ein Mittel um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, Krisen gut zu überstehen, aber kein Garant und eine Überforderungssituation sollte nicht zum automatischen Rückschluss führen, dass ein Mensch an seiner Resilienz arbeiten müsse. Schlussendlich kann auch ein durchwegs gesunder, junger, sportlicher, gut ernährter, abstinenter, Schlafhygiene einhaltender und alles weitere Mensch Krebs bekommen. Resilienz zu fördern kann auch sehr wichtig und sinnvoll sein. Ich wäre aber sehr vorsichtig damit wie, wo und wann ich mit einzelnen Individuen über Resilienzförderung rede und würde mich generell eher auf die Resilienzförderung der Gemeinschaft fokussieren. Also nicht einzelnen Leuten sagen, sie sollen sich doch mehr bewegen, sondern Menge an und Zugang zu Bewegungsangeboten zu erhöhen. Nicht Menschen auffordern Kontakte zu haben, sondern Möglichkeiten zu Vernetzung schaffen, etc. Des weiteren haben wir für uns gemerkt, dass Resilienz und Gesundheit fördern zu wollen nicht ausreicht, sondern wir auch ein Verständnis dafür entwickeln müssen, warum gewisse resilienzfördernde Tätigkeiten uns Schwierigkeiten bereiten, einen Sinn darin zu finden und diesen auch anzunehmen. Wenn wir z.B. oft negative Erfahrungen damit gemacht haben um Hilfe zu fragen, dann ist es nicht sinnvoll von sich zu erwarten einfach alle erlernte Vorsicht fallen zu lassen und uns allenfalls in eine Abhängigkeit zu stürzen die uns schadet. Nur weil etwas generell die Resilienz fördert, heisst das nicht das es automatisch immer gut ist, in jeder Dosis und in jedem Kontext.

Ich recherchiere das Thema im Internet. Eine Krankenkasse bietet mir einen Kurs an zur Förderung meiner Resilienz. Ein Artikel einer anderen verkauft mir Tipps und Tricks wie ich meine Resilienz verbessern kann. Er erklärt: „«Resilient sein» bedeutet sich innerlich stark und flexibel durch Herausforderungen zu bewegen und dabei nicht nur die körperliche und psychische Gesundheit zu erhalten, sondern innerlich daran zu wachsen.“
Eine andere schreibt: „Manchmal läuft’s im Leben nicht wie gewünscht. Belastungen oder Misserfolge müssen uns aber nicht aus der Bahn werfen: Wenn wir unsere Resilienz stärken, können wir Krisen überwinden – und erst noch daran wachsen.“ und viele weitere schreiben ähnliches. Ich finde diese absolute Sprache realitätsfremd und empathielos. Gerade, wenn mir dann erklärt wird, dass meine Resilienz in einem sehr grossen Ausmass von mir beeinflussbar ist und dass – impliziert – wenn ich mir nur genug Mühe gebe, dann kann ich alles durchstehen. Es solle mir möglich sein (alle) Herausforderungen und (alle) Belastungen oder Misserfolge nicht nur zu überstehen, sondern auch noch aus ihnen gestärkt heraus zu gehen – es läge nur an mir. Und es ist schwer sich dann nicht langsam aber mehr an emotionalen Missbrauch, an Entschuldigungen von Missbrauch, an Vernachlässigung und Rechtfertigung dieser erinnert zu fühlen.

Ich lese auch viel über die 7 Säulen der Resilienz. Sie alle haben einen sinnvollen Ansatz. Wir kennen und erlebten aber für jeden Ausnahmen, Grenzbereiche, Widersprüche und Komplikationen. Ich habe ein Problem damit, wenn sie als absolut und universal sinnvoll dargestellt werden.

Optimismus kann Motivation fördern. Optimismus kann aber auch dazu führen, dass man sich grösseren Gefahren aussetzt oder in schädlichen Situationen zu lange aussetzt.

Akzeptanz kann helfen die eigene Situation besser wahrzunehmen, Handlungsmöglichkeiten zu finden und Energien zu bündeln. Akzeptanz kann aber auch für den Moment überfordernd sein, kann Ohnmachtsgefühle und Resignation auslösen.

Lösungsorientierung kann zu Lösungen von Problemen beitragen. Lösungsorientierung kann aber auch Energiereserven erschöpfen für Lösungsstrategien, welche kaum effizient sind, einfach weil es die einzig möglichen sind oder man nicht vorhersagen kann welcher Ansatz richtig ist.

Selbstbewusstsein kann einem die Überzeugung verleihen, mit Problemen fertig zu werden und Ängste mindern. Selbstbewusstsein kann aber auch zu Selbstüberschätzung führen und einem in Überforderungssituationen bringen.

Netzwerkorientierung kann hilfreich sein, um auf Ressourcen ausserhalb von einem selbst zuzugreifen. Netzwerkorientierung hängt aber auch immer von der Verfügbarkeit, Verlässlichkeit und Qualität des Netzwerks ab. Einige können sich auch als toxisch und hinderlich herausstellen.

Verantwortung zu übernehmen kann helfen sich der eigenen Handlungsmöglichkeiten bewusst zu werden und diese zu ergreifen. Verantwortung zu übernehmen kann aber auch dazu führen, dass man sich die Schuld für etwas zuweist, wofür man nicht verantwortlich gemacht werden kann und kann dazu führen, dass man sich nicht ausreichend gegen Ungerechtigkeiten wehrt.

Zukunftsorientierung kann für langfristiges Wohlbefinden sinnvoll sein. Zukunftsorientierung kann aber auch belasten, wenn die Aussichten schwierig sind und kann von den Schwierigkeiten und so auch ihrer Lösungen im Hier und Jetzt ablenken.

Wir waren schon in der Psychiatrie, als die erste Coronawelle kam. Unser Leben fiel auseinander und hörte nicht mehr auf zu einem grösser und grösser werdendem Scherbenhaufen zu werden. Der Austritt stand trotz allen Protests und ohne sinnvolle Anschlussbehandlung bald bevor. In dieser Kriese liefen wir eines Abends übererregt, verzweifelt und hilflos den Gang der Station hin und her, obwohl die Füsse längst schmerzten und die Anspannung kaum davon sinken wollte. Die Gedanken kreisen um den Versuch die eigene Situation zu verstehen, einen Umgang damit zu schaffen, einen Plan oder erst mal überhaupt ein genaues Ziel zu finden. Doch es blieb weiter klar, wir brauchen Hilfe von aussen, aber genau diese würde bald wegfallen.
Ein Pfleger kommt hinzu und fragt uns, nach unserem Befinden, warum wir nicht aufhören würden den Gang hin und her zu wandern. Wir erzählen ihm vom Wirbelsturm in unserem Kopf, in unserem Leben. Daraufhin fragt er uns: „Haben Sie schon einmal von den 7 Säulen der Resilienz gehört?“ Wir sagen nein und er erklären sie uns. Ich habe mich selten so sehr für dumm verkauft gefühlt. Wir sagen ihm, das wir mit dem Konzept nichts anfangen können, doch er beharrt darauf. Wir fühlen uns verwirrt, unverstanden und beschämt. 4 Monate lang versuchte man uns nahe zu legen, Hilfe bei der Pflege, der Therapeutin, dem Arzt zu holen und jetzt sollen wir von einem Tag auf den anderen ja wohl bitte selber klar kommen und „die Opferrolle“ verlassen. Wenn wir mit Problem auf Problem auf Problem bombardiert werden, dann sollen wir das als Möglichkeit sehen an der Herausforderung zu wachsen. Wenn wir in weniger als einem Jahr in einer weltweiten Pandemie unser Studium verlieren, das gesamte Einkommen gestrichen wird, wir an einem Ort wohnen, welchen wir kaum aushalten, wir uns mit einem emotional missbräuchlichem Elternteil verstreiten, das Geschwister in der Kriese ist, unsere bisherige Therapeutin verlieren, uns als non-binär outen und behaupten müssen, eine zweite Pubertät anfangen durchzumachen und herausfinden dass wir chronisch psychisch belastet sind. Wenn wir dann überfordert den Gang hin und her laufen, dann sind wir nicht resilient genug?

Resilienzförderung ist grundsätzlich sinnvoll, aber es braucht einer genauen Auseinandersetzung für jedes Individuum, zu welchem Zeitpunkt, wie kommuniziert, welche Anteile der Resilienzförderung tatsächlich förderlich ist und ein Bewusstsein dafür, dass sie sich auch negativ auswirken kann, wenn man den Rahmen stark verfehlt. Schliesslich und endlich ist Resilienz nicht schlicht und einfach eine eigene Leistung, sondern auch zu grossen Teilen ein Privileg. Wer ein gutes Elternhaus, Bildung genossen, keine Behinderung hat, keine Diskriminierungserfahrungen macht und finanziell gut aufgestellt ist, der hat mehr Resilienz. Wem diese Privilegien fehlen, dem darf ein Mangel an Resilienz nicht zum Vorwurf gemacht werden.

Manchmal sind Dinge einfach überfordernd und es ist menschlich für eine Weile nicht klar zu kommen.

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