Von Stigma und Psychiatrie

Unser neuster Psychiater

Wir sitzen gegenüber unserem neusten Psychiater. Wir hatten sehr selten gute Erfahrungen mit dieser Berufsgruppe – mehrheitlich sogar negativ – und doch sahen wir kaum einen anderen Weg, als es noch einmal zu versuchen. Nach einem Rundlauf zu allen möglichen Fachärzten, schien es schliesslich eindeutig, dass keine organischen Ursachen für unsere Schmerzen gefunden werden können. Wir wollten unsere Psychotherapeutin nicht aufgeben und nach langem hin und her telefonieren wurde schliesslich klar, dass die einzigen Orte an denen wir unsere seit einem Jahr chronischen Schmerzen behandeln lassen konnten, entweder eine Klinik oder ein*e ambulante*r Psychiater*in waren. Eine Klinik kommt für uns nicht in Frage, also sitzen wir hier und versuchen unserem neusten Psychiater zu erklären, warum wir das letzte Mal mit viel Unmut nach der Therapiesitzung nach Hause gingen. Wir verwenden singuläre Pronomen, weil wir Angst haben nicht ernst genommen zu werden, wenn wir voll authentisch über uns reden. Auch haben wir nur je nebenbei auf Nachfrage Preis gegeben, das unsere Diagnose eine DIS sei.

Wir versuchen zu erklären, was uns das letzte Mal getriggert hat, was wir in bitten zu unterlassen. Für ihn ginge das nicht und er wolle das nicht. Wir versuchen noch einmal und dann noch einmal zu erklären, für den Fall, dass er uns nicht verstanden hat. Versuchen darzulegen, dass wir nicht gleichzeitig Körperübungen machen und uns auf unser Gegenüber einlassen können, wenn dieses Signale sendet, welches in uns Alarm auslöst. Wir können nicht die Warnsignale ignorieren und uns gleichzeitig unseren Gefühlen und Körper annähern. Während wir uns alle Mühe geben, gewaltfrei kommunizierend bei uns und unseren Erfahrungen zu bleiben, spricht unser Psychiater über seine Meinung und Einstellung als ob es objektive Fakten seien – Ich wolle mich wohl nicht auf die Behandlung einlassen. In einem Nebensatz fällt, das wir scheinbar ein schwieriger Patient seien. Ich weiss nicht wie wir es ihm einfacher machen sollen, als klar unser Problem, unseren konkreten Wunsch an ihn und unsere Grenzen darzulegen. Er erklärt uns, man dürfe sich nicht zu sehr mit seiner Störung identifizieren. Schliesslich würde sie dann bleiben. Das einzige was wir in diesen Sitzungen als störungsidentifizierend ausgedrückt haben, ist, dass wir Traumata haben – nicht das wir eine spezifische Störung haben, nicht dass wir dissoziativ strukturiert sind, nur schon das beharren darauf, das Erfahrungen, welche wir gemacht haben traumatisch waren, schien schon eine Überidentifikation darzustellen. Als nach mehrfachem Nachhacken klar wird, dass er uns die Deutungshoheit über unsere eigenen Erfahrungen abspricht, wird der Therapieabbruch eindeutig.
Unser Gespräch mäandert noch bis zum Sitzungsende sinnarm hin und her. Der krönende Abschluss war schliesslich, als er uns versucht für dumm zu verkaufen, dass der Klimawandel gar nicht so schlimm wäre, wie alle täten. Und ich mir nicht so viele Sorgen zu machen brauche. Eine Behauptung, die umso bescheuerter ist, da er sich so weit aus seinem Berufswissen herausgetraut hat, dass er in das meine hineingestolpert ist. Aber die Rollen des Belehrenden und Belehrten sind bereits verteilt.

Der Psychiater wird einen anderen Patienten finden, wir haben für den Moment die Schnauze voll von Ärzt*innen. Wir haben keine Energie mehr in einer schon wieder neuen Praxis auf das Beste hoffend, ob dieser Arzt normal mit uns reden kann, solange man denn grössten Teil des dissoziativen Kuchens versteckt oder ob wir wieder ein Gegenüber haben, welches uns von Oben belächelt in die Schublade eines Modells steckt und sich nicht eine Sekunde mit dem Menschen mit all seinen Facetten beschäftigt, welcher vor ihm steht.

Wenn wir unsere Symptome auf Grund unserer Symptome nicht behandeln lassen können, ist das eine Sackgasse. Wenn wir für diese Sackgasse verantwortlich gemacht werden, als schwierige Patienten abgestempelt und man uns abspricht über unsere Erfahrungen zu reden und diese selber zu deuten, dann ist das Stigma.

Stigma

Stigma wird oft in einem Teufelskreis aufrechterhalten. Ein Mensch mag sich als Reaktion auf Stigma Zurückziehen, mag verstecken, dass er Teil der stigmatisierten Gruppe ist und damit wird die Sichtbarkeit verhindert. Oder ihm mag die Zugehörigkeit zur stigmatisierten Gruppe abgesprochen werden, weil er nicht den Stereotyp erfüllt und somit wird auch dieser Stereotyp nicht hinterfragt. Ein Mangel an Aufklärung kann auch zu einem fehlenden Bewusstsein dafür führen, dass mehr Aufklärung nötig ist. So begegnen wir zum Beispiel häufig Menschen in der Psychiatrie, welche Aufklärung über komplexe dissoziative Störungen für unwichtig halten, weil sie unaufgeklärt davon ausgehen, dass diese äusserst selten sind. Inklusion wird auf die selbe weise durch Sigma behindert – in dem sie als nicht nötig angesehen wird, da die betroffene (sichtbare) Gruppe zu klein sei.

Besonders schwierig wird Stigma bei Intersektionalität. Also dem gleichzeitigen Vorkommen mehrerer Formen von Diskriminierung. Wir sind als non-binärer trans* Mensch und als viele* Mensch von zwei Stigmas Betroffen. Wir sind somit selbst in Räumen, welche einen Schutz vor einer Form von Stigma bieten – z.B. LGBTQ+ Treffen oder bei einer Therapeutin für Komplextrauma – nicht vom anderen Stigma sicher. Ich finde es daher wichtig, dass sich meine Antistigma Arbeit nicht nur auf Stigmas reduziert, welche uns selbst betreffen. Wenn ich also z.B. ein Selbsthilfegruppentreffen organisiere, achte ich darauf, dass dieses so barrierefrei wie möglich ist, ich lade alle Menschen dazu ein, den Raum mitzugestalten oder zumindest zu äussern, was ihnen helfen würde. Ich achte auf Diskriminierungsschutz gegenüber Gruppen, von denen ich kein Teil bin, also z.B. Rassismus, Antisemitismus, Fatphobia, Ableismus.

Selbststigmatisierung geschieht als Reaktion auf Fremdstigmatisierung. Sie kann gleich verheerend sein sie Fremdstigmatisierung, aber auch eine Schutzfunktion erfüllen. Im Sinne vor eilenden Gehorsams nimmt man dem Aussen Teile des Stigmas ab, um weniger Ausgrenzung zu erfahren. Die Grenzen zwischen Wir und Ihr, zwischen Gut und Schlecht, verschiebt sich vom Aussen ins Innen. Entweder ins Innen eines einzelnen Menschen oder ins Innen der stigmatisierten Gruppe. So führ z.B. Transfeindlichkeit dazu, dass sich trans* Menschen als Transmeds von anderen trans* Menschen distanzieren, welche nicht eine medizinische Transition verfolgen, ein nicht-binäres Geschlecht haben oder Geschlechterrollen nicht erfüllen. Transmeds können auch eigene geschlechts-nonkonforme Tendenzen abspalten und versuchen gleichgeschlechtliche sexuell-romantische Gefühle zu unterdrücken. Während Transmeds häufig besser von der Gesellschaft angenommen werden, spalten die ihre eigene Community und Teile ihrer selbst ab.

Schwierig wird Selbststigma insbesondere dann, wenn es zur Überschneidung von Stigma und traumatischen Erfahrungen – Traumawahrheiten kommt. Wenn ein Stigma eigene negative Glaubenssätze bestätigt, wird dieses schneller Übernommen und internalisiert. Wenn ich damit aufgewachsen bin, keine Aufmerksamkeit brauchen zu dürfen und nicht kompliziert sein zu sollen und das Stigma gegen mich eben beinhaltet, dass ich zu viel Aufmerksamkeit brauche und kompliziert sei, dann kann ich diesem Stigma nichts aus grundlegender Überzeugung entgegensetzen.
Fremdstigma kann aber genauso negative Glaubenssätze über die Umwelt bestätigen. Bin ich z.B. der Überzeugung, dass die Welt kein sicherer Ort ist und niemand mir helfen wird, wenn es mir schlecht geht und ich gerade eben wegen Stigmatisierungserfahrungen Gefahr und keine Hilfe erfahre, lande ich auch dort in einem Teufelskreislauf.

Antistigma Arbeit ist also kein einfacher linearer Weg, sondern erfordert Möglichkeiten zu suchen, zu erkennen und zu ergreifen aus dem Teufelskreis auszubrechen. Es erfordert viel Mut, Geduld und Feinsinn.

Empowerment  

Empowerment bedeutend ein grundlegendes für sich selbst und die eigene Gruppe zu sein und einzustehen. Es kann das Erarbeiten grösserer Unabhängigkeit und Freiheit beinhalten, aber auch das Recht auf Hilfe und Unterstützung. Zentral ist dabei, den eigenen Handlungsraum, die eigenen Möglichkeiten zu erweitern. Es geht darum mehr selber machen zu können, aber weniger selber machen zu müssen. Empowerment beinhaltet zwangsweise eine Machtverschiebung. Dies bedeutet auch, dass die Ermächtigung einer Gruppe auch automatisch die Entmächtigung einer andern nach sich zieht. Dies kann – aber eher selten – von der Gruppe, welche an Macht verliert, begrüsst werden. Da diese Gruppe initial mehr Macht hat, wird Empowerment also zu einem Kampf bergaufwärts, wenn man die Gegenseite nicht davon überzeugen kann, die eigene Macht aufzugeben.
Die Frage für uns ist dann nicht nur, wie machen wir für uns oder unsere Gruppe Empowerment, sondern auch mit und gegen wen.

Leider erfahren wir es nicht selten, das diesem Empowerment genau diese Gruppe entgegensteht, welche uns helfen sollte und auf deren Hilfe wir oft auch angewiesen sind. Es liegt an dieser Gruppe ihre eigene Rolle, Aussagen, Handlungen und Macht zu reflektieren. Es liegt an dieser Gruppe den Betroffenen ernsthaft zuzuhören.

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