Unsere Recoverygeschichte

[Dieser Beitrag ist im Rahmen unserer Peer-Weiterbildung entstanden. Der Auftrag war in 15 Minuten unsere Recoverygeschichte vorzutragen. Er wurde hier leicht abgeändert, damit er als Blogbeitrag funktioniert]

Ungewissheit

Es gibt keine Retter, keine plötzlichen Wendepunkte, keine Erlösung, nur der lange Weg. Schlussendlich, wenn auch manchmal mit Hilfe, kann man ihn nur alleine gehen. In Geschichten gibt es manchmal plötzliche Wendepunkte zum Guten, ein schneller Wandel zum Besseren in der dunkelsten Stunde. Eine schöne Illusion, eine Hoffnung, die aber selten in Erfüllung geht. Schlussendlich gibt es nur den Weg, Schritt für Schritt – immer vorwärts und nie zurück.

Wo beginnt unsere Geschichte? Ist es der Tag unserer Geburt? Fängt sie mit den ersten verschwommenen Erinnerungen an unsere Kindheit an? Oder gar erst, als wir uns unserer selbst als viele bewusstwurden? In der Zeit der grössten Krise?

Sich an unser Leben zu erinnern ist wie durch dichten Nebel zu waten – verworren, verwirrend, unklar und ungewiss. Wo andere Nostalgie für ihre frühen Jahre haben, bleibt bei uns ein Loch, ein Schauder, ungute Gefühle, ein Echo der Verzweiflung. Froh bin ich nie mehr Kind sein zu müssen, nicht mehr abhängig, nicht mehr ausgeliefert. Ich weiss nicht, soll ich bedauern oder froh sein darüber, dass ich kaum weiss, was in unserer Kindheit war. Der Blick zurück schmerzt im ganzen Körper. Es sind lange nicht alle Tränen um diese Zeit geflossen, die Wut noch längst nicht erloschen.

Familie

Für viele glückliche bedeutet die Familie ein Hafen der Zuflucht, ein Ort der Geborgenheit, ein sicheres Heim. Unser Stammbaum ist ein Strauch krankhaft Gesunder, die sich verzweifelt an ihre eigene Überlegenheit klammern, um stets weiter von ihrem Schatten zu fliehen. Sich von dieser Familie zu lösen, die Brücken zu unseren Eltern niederzubrennen bedeutete für uns Schmerz und Freiheit.

«Ich will dich nicht sehen und du willst mich auch nicht sehen», sagten wir ihr zum Ende unserer letzten Familientherapiesitzung. Passend zur Weihnachtszeit vor einem Jahr endete der letzte Versuch ein Funken Verständnis, Einfühlsamkeit oder wenigstens Gehör von dieser Frau zu bekommen, die sich unsere Mutter nennt. Wenn auch mit Trauer, war diese Loslösung eine grosse Erleichterung. «Ich muss jetzt nicht mehr auf sie aufpassen. Sie ist jetzt nicht mehr mein Problem.»

Die Kultur aus der wir uns langsam auch innerlich loslösen, ist eine der emotionalen Kühle, dem Überspielen der Gefühle, der Vernunft gewertet über allem anderen, der Überabgrenzung und der Leistung – eine familiäre Kultur, welche Erwartungen stellt, die ein Mensch nicht erfüllen kann. Und selbst wenn wir zur göttlichen Maschine werden, immer alles richtig machen würden, wären wir immer noch nicht gut genug. Unser Weg lässt diese Kultur zurück und baut unsere eigene, neue – eine aus Echtheit, Gemeinschaft und Menschlichkeit.

Echtheit

Gut sechs Jahre lang haben wir versucht subtil, vorsichtig und möglichst ohne jemandem ans Bein zu pissen unsere non-binäre Geschlechtsidentität offen zu leben. Doch wurden wir so durchwegs und allseitig in die falsche weibliche Kategorie verfrachtet – egal wie oft und wie höfflich wir darauf hinwiesen, ja keine Frau, sondern non-binär zu sein.

Vor bald sechs Jahren haben wir mehr aus einer Laune, als einem überlegten Entschluss heraus, mit dem Rauchen und Trinken aufgehört. Gleichauf haben wir angefangen etwas zu tun, was wir zuvor noch nie in Erwägung gezogen haben – regelmässig Sport. Mit diesen Änderungen tauchte aus dem nichts, als hätte man es schon immer haben sollen, ein Körpergefühl auf. Ein Gefühl allerdings für einen weiblichen Körper – und damit auch die Genderdysphorie. Es ist ein schwer zu beschreibendes Gefühl – ein Gefühl einer schmerzlichen Falschheit, einer unaushaltbaren Unrichtigkeit. Schliesslich blieb nur die Wahl zwischen zurückgezogen zerfallend zu Hause sich zu verstecken oder Mut zu fassen und mit lautem Getöse zu sich zu stehen.

 «Ich heisse jetzt Jirka. Liebe Freund*innen, Verwandte und Bekannte, wer es noch nicht wusste: Ich bin trans*,[und] non-binär! […] Ich ändere meinen Namen auf Jirka und meine Pronomen auf neutral bzw. sächlich […] Vielen Dank für euer Verständnis und Respekt!», schrieben wir am 25. August 2019 allen Menschen, die wir kannten. Unser Coming-Out war ein Bekenntnis zu uns selbst. Erstmals ging es nicht darum was wir sollten und müssten, sondern darum was wir wollen und brauchen. Erstmals haben wir unsere Bedürfnisse, unsere Gesundheit vor die Bequemlichkeit anderer gestellt. Das war auch der Anfang vom Ende der Beziehung zu unserer Mutter, jedoch das Ende des Anfangs unseres Transitions-Wegs.

Der nächste Schritt war Ende Herbst eine zweite Pubertät anzufangen. Diese wäre wohl ärztlich und therapeutisch besser begleitet gewesen, wären wir nicht ab Weihnachten 2019 für fünf Monate in der Psychiatrie versumpft. Ein Ort dem es halt gänzlich an Sexualendokrinolog*innen und kritisch an trans* affirmativen Fachleuten mangelt.
Ein Jahr später mussten wir uns eine Unterschrift für die Mastektomie erkämpfen. Wir mussten unser Viele sein verschleiern, um an diese zu gelangen. Der grösste Teil unseres restlichen Ersparten investierten wir in die Teile der Operation, welche die Krankenkasse nicht übernahm. Doch es hat sich gelohnt. Schon nur dafür, dass man jetzt ohne Ekel an sich herunterschauen kann.

Gemeinschaft

Es gibt die Familie in die man hineingeboren wird und die, die man sich aussucht. In der Schulzeit gehörten wir lange zu den Aussenseitern, den Unerwünschten, den zuletzt Gewählten. 

Mit dem Anfang der Ausbildung begann eine Bewegungsfreiheit, die es uns endlich ermöglichte eigene Gemeinschaften auszusuchen. Lange waren das unsere politische Partei, die Punk-, Metal- und Mittelalterszene, auch unsere Mitschüler in der Ausbildung, Menschen aus der Stammbar, Leute im Ausgang und von der Arbeit, queere Treffen, schliesslich die Mittrainierenden im Ju-Jitsu, nun auch die Teilnehmenden unserer Selbsthilfetreffen und der Peer-Weiterbildung.

Nichts hat uns so am Leben erhalten, als diese Gemeinschaften. Erst in diesen haben wir erfahren, was miteinander zu sein heisst. Was es heisst, wenn es jemanden kümmert, wie es einem tatsächlich geht, dass man Konflikte auch aussprechen kann, wie es auch Menschen gibt, welche auf unserer Seite stehen und Missgeschicke verzeihen können.

Jedoch sind wir auch froh einige dieser Gemeinschaften verlassen, einige Freundschaften beendet zu haben und von einigen Menschen zurückgelassen worden zu sein. Gleiches gesellt sich gern zu gleichem. So haben sich auch viele Beziehungen im Traumakarussell um sich selbst gedreht, bis allen schwindlig und schlecht wurde. Manchmal haben wir uns ungesund und verzweifelt an andere Menschen geklammert und manchmal war es zu viel. So manches Mal wurden wir enttäuscht und so manches Mal wurden unsere Grenzen übergangen. Wir haben gelernt, wir müssen niemandem verzeihen, der uns nicht mal um Verzeihung bittet.

Doch mehrheitlich boten diese Gemeinschaften eine Zuflucht, welches unser Zuhause nicht bieten konnte. Sie boten eine Zuflucht vor dem Ort, denn man wohl «Zuhause» nennen muss – da es ja der Ort war, in dem unser Bett und unsere Sachen standen.

Menschlichkeit

Als wir mit 15 Jahren erstmals selber um therapeutische Hilfe baten, versuchte man uns beizubringen, wie wir sozial kompetenter auf Menschen zugehen, welche uns auslachen, weil wir schlecht Volleyball spielen und ausgrenzen, weil uns DSDS nicht interessiert. Nicht beigebracht hat man uns, dass es normal und menschlich ist, sich elend zu fühlen, wenn man keine Freunde hat und zu Hause regelmässig angeschrien wird. Wir haben viele Therapien abgebrochen, weil es oft nur darum zu gehen schien, was wir alles falsch tun und anders machen müssten. Als ob man sich nur genug anstrengen müsste, um zufrieden und ausgeglichen zu sein. Es ging nicht darum, Emotionen zu spüren und zu zulassen, Grenzen zu setzten und zu akzeptieren, eigene Bedürfnisse zu erforschen und zu erfüllen, eigene Fehler zu erlauben und zu entschuldigen. All das was uns geholfen hätte, all das was wir jetzt nachlernen müssen: zu wollen, zu wünschen und zu brauchen.

In unserem stationären Aufenthalt haben wir uns stets fehl am Platz gefühlt. Unsere hartnäckige Diagnose war von Anfang des Aufenthaltes bis zum Schluss «Depression», obgleich wir kein Diagnosekriterium dafür erfüllten. Nach den ersten vier Monaten hatte man uns gegen unseren Willen nach Hause geschickt, nur damit wir Stunden später ebenso unfreiwillig mit einem FU zurück auf die Akutstation gebracht wurden. Auf dieser wollte die Fallführung wieder ausschliesslich über Antidepressiva mit uns reden. An diesem Punkt war klar, dass wir selber nach Antworten suchen müssen. In unserer Suche, haben wir dann herausgefunden, dass unser Sein nicht dem einheitlichen Sein entspricht, wie es die Mehrheit der Menschen kennen – dass es zwar normal ist einen internen Monolog, aber nicht einen Dialog, Trialog, Polylog zu haben, dass man sich an seine Kindheit ab dem 4. Lebensjahr erinnern sollte und dass erinnern heisst Gefühle, Narrative, Bildfolgen, Klang, Gerüche und andere Sinneseindrücke aufrufen zu können und nicht bloss die nackte Tatsache, dass man vermutlich dort war, wo einem die Bilder im Fotoalbum portraitieren.

Pseudohalluzinationen, plötzliche überwältigende Gefühle, dem Körper machtlos zusehen, wie er Dinge macht, sagt, irgendwohin geht ohnedies man selber noch irgendetwas steuern könnte, nichts nützende Skillsketten, den Eindruck Emotionen als andere Personen wahrzunehmen, Interessen, Fähigkeiten, Ziele, Wünsche, Grenzen, welche von einem Moment auf den anderen wechseln, die Gleichzeitigkeit all der inneren Widersprüche und so viel mehr hat plötzlich Sinn ergeben. Erst kam noch der Widerstand, «Es kann ja nicht sein, ich habe ja nichts wirklich Schlimmes erlebt, nichts was schlimm genug wäre, bin ich doch psychotisch? Oder einfach zu fantasievoll? Bilde ich mir das alles ein, damit ich mich als etwas besonders fühlen kann? Oder damit ich mich von meinen eigenen Fehlern abgrenzen darf?»

Mit dem Anfang der Erkenntnis, verdichteten sich jedoch die Symptome, jede Innenperson wollte zugleich einen Platz im Leben sichern, eine Meinung äussern, seinen Raum einnehmen. Mehr Wechsel, Erinnerungslücken, Ausfälle, interne Konflikte. Es wurde unleugbar, unübersehbar, unbestreitbar… ausser natürlich für das Fachpersonal der Akutstation. Es brauchte schliesslich noch ein weiteres Jahr und vier Therapiewechsel, bis uns die Diagnose DIS bestätigt wurde. Die Erleichterung über die Diagnose beruhte vor allem darauf, dass uns endlich jemand glaubt und ernst nimmt, uns als alle die sieht, die wir sind.

Unsere Menschlichkeit leben wir als viele – zerteilt, zerstreut, ja – ein wenig zerbrochen. Im selben Kopf, doch mit vielen Gesichtern – jung, alt, freundlich, bitter, feminin, maskulin, bunt, monoton, ängstlich, mutig, arrogant, bescheiden, ruhelos, erschöpft, chaotisch, organisiert, gross, klein…
Dies herauszufinden war unsere Rettung. Den inneren Krieg zu stoppen und auf ein miteinander hinzuarbeiten war unser Wendepunkt.

In unserer Menschlichkeit haben wir Gemeinschaft gefunden. Zur inneren Vielfalt zu stehen, ist was uns echt macht. Wir bauen gemächlich, Schritt für Schritt – um und in uns – unsere eigene Kultur, unseren Weg, den wir doch nicht alleine gehen.

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