Es spielt keine Rolle, ob es geht.

Triggerwarnung für Zwangsmassnahmen & Suizidgedanken

Es ist endlich Dienstag. Fast eine Woche habe ich darauf gewartet. Ich habe probiert zu akzeptieren, habe ausgeharrt, ausgehalten, auszuhalten versucht und doch ging es nicht. Ich halte es zu Hause nicht aus – keinen Tag länger. Ich bin ohnehin kaum dort – zumindest so kaum es geht mitten im Lockdown und dem Regenwetter. Der Ort spukt, ist voller Geister der Erinnerungen vor dem Zusammenbruch, Echos von Suizidgedanken und Substanzmissbrauch, dem Versuch alles zu geben und dem Ergebnis alles zu verlieren. Mein Zuhause ist ein Heim der Misere. Zu diesem Ort konnte ich in den vier Monaten, die ich stationär in der Psychiatrie verbracht habe, keine vertretbare Beziehung aufbauen. Es ist nicht so, dass es mir auf der Station gut geht. Aber immerhin ist es ertragbar. Jetzt bin ich seit einer Woche nur noch Tagespatient. Ich habe brav – wie vereinbart – jeden Abend die Psychiatrie verlassen und bin ihr das ganze Wochenende ferngeblieben. Aber es geht nicht. Ich kann es nicht aushalten.

Das Gespräch mit meiner Fallführung habe ich am späten Morgen. Danach fühle ich mich benommen, unsicher, aber auch hoffnungsvoll. Sie schien mir diesmal zu glauben, dass es zu Hause nicht ging. Als ich ihr sage, ich wolle auf keinen Fall zurück auf die H3 Akutstation, versichert sie mir, sie schaue, dass ich woanders hinkönne. Gleichauf mit dem Szenario zurück nach Hause zu müssen ist dies meine zweite grösste Angst – zurück auf diese Geschlossene abgeschoben zu werden. Ich habe kurz vor dem Wechsel zum Tagespatient eine Nacht dort verbracht. Die Erinnerung ist eine Sammlung ungreifbarer Eindrücke – in Panik – unaushaltbare Anspannung – eingesperrt und ständig beobachtet– fluchtweglos – der einzige Weg raus, die panische Angst zu verdrängen, zu verstecken, normal wirken, lebensbejahend mimen. Dorthin will ich im Leben nicht zurück. Ich werde sehen, wo es hingeht. Meine Fallführung sagt mir, wir würden später heute noch ein Gespräch haben, dass ich nicht nach Hause muss und sie einen Platz finden würde.

Fürs erste gibt es nichts mehr für mich zu tun, als die Zeit zu überbrücken. Als ich ein paar Stunden später den neuen Lernenden Hochhaus im Rummikub schlage, kommt eine Pflegerin zu mir. Sie teilt mir mit, dass für mich ein Bett auf der H3 bereit gemacht werde. Ich bin verwirrt, sage ihr, dass das nicht stimmen kann. Ich fühle mich überfordert, fühle wie mir die Anspannung in alle Glieder kriecht, mein Herz schwer wird. Ich frage die Pflegerin, wann ich dann noch mein zweites Gespräch mit der Fallführung haben werde. Sie sagt, sie wisse von nichts, aber sie würde es nochmal abklären. Sie geht und ich merke wie der Duck in mir immer weiter steigt. Ich fange an den Gang hin und her zu laufen. Hin und her – hin und her – versuche meine Panik, meine Wut und meine Angst alle gleichzeitig im Zaum zu halten. Ich gebe mir Mühe ruhig zu atmen, mich mit Konzentrationsübungen abzulenken, laufe hin und her. Die Pflegerin fängt mich ab und sagt mir, dass die Fallführung gegangen sei und ich auf die H3 müsse. Ich verliere mich, fluche, schreie. Ich fühle mich hintergangen, fühle mich dumm, weil ich ihnen geglaubt habe. Aber es war ja wirklich nicht zum ersten Mal, dass ich hier angelogen wurde. Ich versuche den Schaden zu minimieren, gehe auf die Terrasse und schlage auf den Boxsack ein, weiter ausrufend und verzweifelt. Ich sehe meinen Rosmarin, den ich hiergelassen hatte, in einem Topf auf einem der Tische stehen. Ich packe ihn bei den Ästen und schleudere ihn quer durch den Garten. Ich weine. Der Oberarzt kommt auf die Terrasse. Kurz habe ich die Hoffnung, dass er hier wäre, um dieses ganze Missverständnis aufzuräumen. Doch er sieht missmutig aus und schnauzt mich an, dass ich jetzt entweder aufs H3 oder nach Hause gehen würde. Meine Energie und so mein Zorn verlassen mich, Resignation setzt ein – das Gefühl komplett verloren und hilflos zu sein. Ich weiss nicht mehr was ich tun soll. Es scheint keine Rolle zu spielen. Ich sage das ich nach Hause gehe, nehme meine Sachen und verlasse zum letzten Mal die Station. Der Weg vom Gelände dauert eine Weile und ich beginne mit jedem Schritt mehr zu Taumeln, meine Beine sind aus Gummi und aus Blei zugleich. Ich will nicht nach Hause. Ich kann nicht nach Hause. Aber ich kann auch nicht hierbleiben. Vielleicht sollte ich einfach zur Brücke laufen – die, die hoch genug ist. Sie ist zwar ein Stück weit weg. Nein – lieber nicht. Nein, ich will nicht sterben, aber ich halte es alles nicht mehr aus. Es geht nicht und ich bekomme auch keine Hilfe mehr.

Kurz nachdem ich das Gelände verlasse, geben meine Beine nach. Ich sacke auf dem Trottoir in mich zusammen – hoffnungslos – kraftlos. Ich nehme entfernt wahr wie Passanten sich bemühen mit mir zu reden, aber ich kann nicht antworten, ich kann nicht mehr. Erst als mich die Polizei aufliesst, habe ich mich soweit erholt, dass ich einzelne Silben äussern und mit etwas Unterstützung ein paar Schritte gehen kann. Sie setzen mich auf die Rückbank des Wagens, stellen mir Fragen, die ich versuche zu verstehen und irgendwie schlüssige Antworten aus mir heraus zu bringen. Schliesslich fahren wir los. Es ist mir egal wohin. Es ist mir alles egal. Eine Polizistin bemüht sich beruhigend auf mich einzureden. Die Wirkung bleibt aus. Alle Floskeln die sie benutzt, habe ich schon viel zu oft gehört. Wir fahren zum Polizeiposten, sie klären etwas ab, während ich und die Polizistin im Auto warten, daraufhin fahren wir in ein Wohnquartier, durch das ich in den letzten Monaten fast täglich spaziert bin. Wir steigen alle aus und ich werde in ein Gebäude gebracht,  welches wie eine Schule aussieht. Ich verstehe nicht warum ich hier bin, was alles soll. Mir werden zwei Menschen im Eingangssaal als Mobile Ärzte vorgestellt werden. Ich strenge mich an ihre Fragen zu beantworten, doch mein Kopf ist leer und Brei. Als sie wissen wollen, ob ich an Suizid denke, verneine ich vehement. Ich sage, dass ich nicht sterben will, aber dass ich von Leben müde bin. Sie haben noch ein paar mehr Fragen, schlussendlich kritzeln sie irgendetwas auf ein Papier, geben das einem Polizisten. Sie haben eine kurze Besprechung und darauf gehen die Beamten und ich wieder zum Auto.

Erst als wir auf der Zufahrt sind zur eben derselben Psychiatrie, die mich gerade heute nach Hause geschickt hatte, ahne ich was los ist. Wir halten vor dem Gebäude indem auch die H3 ist. Obwohl meine Energiereserven schon längst leer sind, fühle ich wie eine Angst mir Kraft in meine Muskeln treibt. Mir wird schlecht, ich beginne meinen Herzschlag zu spüren, alles in mir ist bereit wegzurennen, doch es gibt keinen Ausweg. So sehr wie ich gespannt bin, so sehr bin ich auch gelähmt. Die Polizistin geheisst mir auszusteigen. Ich gehorche, aber sage, dass ich hier nicht hinmöchte. Sie erklärt mir, ich müsse aber. Ich stammle, dass ich lieber nach Hause ginge, aber sie erklärt mir, dass ich einen FU habe. Ich erinnere mich daran, was mir Mitpatienten über FUs gesagt haben, dass wenn ich weglaufen würde, die Polizei nach mir suchen würde, dass sie mich für Tage bis Wochen hier einsperren konnten.
Wir gehen hoch in den dritten Stock auf die geschlossene Seite des H3. Meine Beine gehorchen den Autoritätspersonen um mich herum, während mein Kopf immer noch nach einem Fluchtweg sucht. Kurz vor der geöffneten Glastür der Abteilung bleibe ich jedoch stehen. Mein ganzes Sein stäubt sich dagegen die Türschwelle zu übertreten. Unter Tränen wiederhole ich, ich will nicht. Doch vor mir stehen die Pflegerinnen, hinter mir steht die Polizei und wohin soll ich auch wegrennen.

Ich gebe auf. Mir bleibt nichts anders übrig – nichts anderes als zu akzeptieren, als auszuharren und auszuhalten. Es spielt keine Rolle, ob es geht, ob ich kann, ob ich will oder nicht. Bitter bin ich darüber, dass sie alle so tun, als ob es zu meinem Besten sei.

Ein Kommentar zu “Es spielt keine Rolle, ob es geht.

  1. 🥺es tut uns sehr leid. Am meisten das allein sein. Und das Gefühl des hintergangen Werdens und Unverstanden sein….alles öl fürs Traumafeuer…..

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